Fuis Essay Bild 01

 

 

 

 

 

Invisible Moments

 

von Thomas Linden

 

In einer Welt, die auf maximale Sichtbarkeit ausgerichtet ist, zieht das Unsichtbare große Faszination auf sich. Lockt es doch mit einem Geheimnis. Geheimnisse verheißen eine Bedeutungssubstanz, die alles Bekannte in einem anderen Licht erscheinen lässt. Wenn jedoch ein Fotograf vom Unsichtbaren spricht, wie der Slowene Saša Fuis, der eine Serie von in New York entstandenen Fotografien „Invisible Moments“ nennt, dann scheint darin eine eigenartige Paradoxie zu liegen. Denn die Arbeit eines Fotografen besteht darin, die Welt sichtbar zu machen. Bei Fuis kommt noch hinzu, dass er sein Ansehen als sachlicher Fotograf mit Aufnahmen von Artefakten erwarb, die in Museen und Privatsammlungen ausgestellt werden.

Saša Fuis versteht es meisterhaft, einen Gegenstand in all seinen Formen und Strukturen dem Auge zugänglich zu machen. Und doch, beruhen nicht alle Fotografien, die da draußen in der Welt geschossen werden, auf „unsichtbaren Momenten“? Wir nehmen eine Situation wahr, bevor der Auslöser gedrückt wird. Der eigentliche Moment, den wir später auf der Fotografie sehen, entzieht sich unserer Erinnerung. Genau ihn haben wir nicht erlebt. Fotografien entstehen in einer Art Zeitfuge, dem Moment, in dem wir blind geworden die Kontrolle an den Apparat abgeben. Das zeigt sich dort umso deutlicher, wo uns die Unschärfe der Fotografie an die Existenz dieses Apparates erinnert.


Etwas verschwindet im Bild

Auf Saša Fuis‘ Fotografie „BxM 11,NYC, 2014 (10-part work)c“ sehen wir ein Paar im Central Park auf einer Bank am Straßenrand sitzen, während der Fotograf im Bus vorbeirauscht und noch gerade den Auslöser betätigen kann. Mit der Unschärfe wird die Flüchtigkeit zum Thema, zumal hier Geschwindigkeit auf eine fast demonstrative Bewegungslosigkeit trifft. Die deutsche Sprache verweist in der ihr eigenen Bildhaftigkeit schon im Wort Ge-schwindigkeit auf den Verlust als zentralem Phänomen der Schnelligkeit. Etwas verschwindet mit der Bewegung. Das sind zunächst die Details, das Bild verschwimmt zu Farbflächen. Ein einzelner dominierender Fleck bleibt das weiße Hemd des Mannes im Zentrum der Aufnahme. Mit dem Verlust der Details löst sich dann auch der Raum auf.

Räume suggerieren vor allem durch ihre Tiefe Bedeutung. In der Malerei oder im Theater lässt sich gut beobachten, wie der Raum durch beziehungsvoll eingesetzte Details und Schichtungen eine Erzählung und damit eine zeitliche Dimension gewinnt. Das verschwommene Bild wird hingegen flach und verliert das Beziehungsgeflecht seiner Details. Details verorten eine Szene, in ihnen ist das Alltagsleben enthalten. Über diese Fotografie lässt sich nicht sagen, ob sie vor fünf, zehn oder zwanzig Jahren aufgenommen worden ist. Die ganze Aufmerksamkeit gehört den beiden Menschen, die aufgrund der verwischten Konturen nicht als Personen, sondern nur als Paar eine fast ikonische Dimension gewinnen.

Wir sind Bildschärfe gewohnt, jedes Handy verfügt über hochentwickelte Prozessoren, die präzise Aufnahmen der Alltagswelt liefern. Der gebürtige Slowene Saša Fuis besitzt die Fähigkeit, mit seiner Kamera Architektur, Objekte oder Kunstwerke in der Pracht ihrer Oberflächenstrukturen erstrahlen zu lassen. Das Konvolut „Invisible Moments“ ist angefüllt mit Beispielen seiner technischen Virtuosität, zu denen Situationen auf den Straßen Manhattans gehören. Menschen und Autos werden fast hyperrealistisch abgelichtet, sodass man sich etwa in der gelben Lackierung eines Taxis glaubt spiegeln zu können.

Die Schärfe einer Fotografie fesselt uns an das Reale. Gegenstände erhalten Präsenz durch ihr Volumen und ihre Materialität, sie werden zu unbestreitbaren Tatsachen ihrer Existenz. Das realistische Bild definiert sich selbst. Das unscharfe Bild provoziert hingegen unsere Imagination. Plötzlich hat das Medium Fotografie mit seiner Präzision auch die Fesseln seiner Konkretheit verloren, und es öffnet sich ein Spielraum für die Fantasie der Betrachtenden. Zwar erzeugt die Unschärfe eine Illusion von Realität, da das scheinbar unperfekte Bild den Eindruck der Eile erweckt. Der Druck wird spürbar, im Getriebe des Geschehens noch gerade diese Bild Spur des Realen eingefangen zu haben. Aber dieses zu entziffernde Bild fordert uns auch heraus, darüber nachzudenken, was wohl im Moment der Aufnahme passiert sein könnte.


Die Gelassenheit des Paares

Unbestreitbar bleibt, dass auf der Fotografie von Saša Fuis zwei Menschen zu sehen sind. Gerade ihre Anonymität erinnert uns daran, dass es andere Leben und andere Schicksalswege gibt, von denen wir nichts ahnen. Leben ereignet sich auch jenseits unseres Wahrnehmungshorizonts. Nichts wissen wir von den beiden, und doch wandeln sie wie wir zur gleichen Zeit auf dieser Erde. Drei Lebenslinien treffen sich in einem kurzen Augenblick. Dass es buchstäblich einer ist, erklärt sich aus der Tatsache, dass die beiden auf der Bank direkt in die Kamera schauen. Sofort ist man elektrisiert. Denn mit dem Fotografen fühlen auch wir uns als Betrachtende erkannt. Wir verlieren die Macht des voyeuristischen Blickes, da hier jemand zurückschaut. Mit dem Blick ins Antlitz stellt sich immer die Frage der Existenz. Das Bild schaut uns an, wir haben uns vor ihm zu rechtfertigen.

An diesem Punkt bekommt die Situation eine süffisante Note, da es sich um ein Paar handelt, das ziemlich gelassen dem folgt, was sich da vor ihm abspielt. Die beiden entsprechen nicht dem romantischen Klischee des ineinander verschlungenen Liebespaares. Obwohl ihre Beine einander zugewandt sind, trennt ein Zwischenraum die beiden Körper. Zwei unabhängige Persönlichkeiten, ein Aspekt, der den Auftritt als Paar noch intensiviert. Denn da gibt es offenbar etwas zwischen ihnen, das sie unsichtbar miteinander verbindet. Schon diese Tatsache verleiht ihnen eine Überlegenheit gegenüber dem neugierigen Fotografen.

Die Ironie dieser Fotografie besteht nicht allein in der Tatsache, dass es nicht das Objekt, sondern der Fotograf ist, der sich hier in Bewegung befindet und aus der Situation herausgerissen wird. Wir erhalten auch noch den Kommentar der Szene durch den Blick des Paares, das seelenruhig dabei zuschaut, wie der Fotograf verschwindet. Und wir mit ihm.

 

Köln, Oktober 2026