Kenna Essay Bild 01

 

 

 

Miracle Of Another New Day

 

von Thomas Linden

 

Könnten sich an diesem Baum Wladimir und Estragon begegnet sein? Hätten sie hier auf Godot warten können? Samuel Beckett lässt in seinem Theaterstück „Warten auf Godot“ zwar offen, ob „Godot“ existiert, aber angenommen, er wäre eine Person, dann ist nicht anzunehmen, dass er an einem solch verlassenen Fleckchen Erde vorbeigekommen wäre. Michael Kenna fotografierte dieses Tableau auf Hokkaido, der nördlichen der japanischen Hauptinseln. Eine andere beliebte Deutung betrachtet „Godot“ als Metapher für Gott. Dann würde der Ort, an dem dieses Bild entstand, aber eher einen Beweis für seine Nichtexistenz liefern. Kahl und abgestorben steht ein grotesk verwachsener Baum vor einem Horizont, in dem Licht, Wasser und Luft wie am ersten Tag der Schöpfung zu verschmelzen scheinen.

Man kann diese Fotografie als eine Hommage an das Absurde Theater und seine kargen Bühnenbilder verstehen. Es kommt nicht oft vor, dass die Fotografie ein literarisches Medium wie das Theater zitiert. Die Stücke jener Epoche der 1950er-Jahre spielten virtuos mit der Bedeutungsfrage, um diese dann letztlich offenzuhalten. Das Nachdenken darüber, ob es Sinn und Bedeutung überhaupt gibt, oder wir sie nur als Chimäre einer Realität herstellen, die sich um menschliche Regelwerke nicht schert, ist aktuell geblieben. Michael Kennas Fotografie zeigt eine entleerte Natur. Landschaft gibt es nur insoweit, als dass hier ein menschlicher Blick die Natur erfasst. Kenna liefert ein Tableau, das viel Raum für Interpretationen eröffnet. Seine Fotografien benötigen wie literarische Texte stets die Anteilnahme der Betrachtenden. Erst mit ihr lässt sich jener Dialog stiften, den er im Bild anlegt. Denn Michael Kenna ist kein Landschaftsfotograf im üblichen Sinne, der die Natur möglichst realistisch dokumentiert. Vielmehr setzt der Engländer das, was er sieht, einer Verwandlung aus. Über mehr als vier Jahrzehnte folgt er diesem Aspekt in seinem Werk, seine Biographie spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Michael Kenna wuchs in einem streng katholischen Milieu auf. Schon mit acht Jahren äußerte er den Wunsch, Priester zu werden, und seine Laufbahn am College schien ihn auch auf ein Leben als Geistlichen vorzubereiten. Das Wunder der Messfeier, in dem sich für die Gläubigen Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi verwandeln, war ihm vertraut. Dann jedoch begeisterte er sich für die Kunst. Auch die Kunst transformiert auf ihre Weise scheinbar unbedeutende Sujets des Alltags in Gegenstände, die uns lehren, sie in einem anderen – bedeutungsvollen – Licht zu sehen. Kenna arbeitete zunächst als Laborant und Fotograf in London, verließ England 1977 im Alter von 24 Jahren in Richtung San Francisco. Dort begegnete er der 1905 in Berlin geborenen Fotografin Ruth Bernhard, die seine Mentorin werden sollte. Bernhard hielt ihn an, sich weniger an der Realität als an seinen eigenen ästhetischen Vorstellungen zu orientieren. Die komplexen Arbeitsvorgänge der analogen Bildentwicklung in der Dunkelkammer hatten sie gelehrt, dass das letztlich maßgebliche Bild nicht bei der Aufnahme, sondern im Säurebad entsteht.

So entscheidet sich Kenna zum Beispiel für lange Belichtungszeiten, die das Wasser oder Wolkenformationen watteweich erscheinen lassen. Das Ergebnis entspricht dann zwar nicht dem, was wir mit eigenen Augen sehen würden, dafür ist in ihm jedoch der Fluss der Zeit enthalten, dessen komprimierte Anwesenheit uns Kenna bewusst macht. Außerdem verlegt sich der Engländer in seinen Arbeiten fast ausschließlich auf den Gebrauch von schwarz-weißem Filmmaterial, das Kontraste erzeugt, die seinen Bildern zusätzliche Dramatik verleihen.

Auf der Fotografie von der Insel Hokkaido sind es der Baum und sein verdorrtes Astwerk, die im Zusammenspiel mit ihrem Schatten eine eindrucksvolle Komposition bilden. Michael Kenna gibt uns eine Ahnung von der Widerstandskraft des Baumes, dessen gekrümmte Form von der Intensität des Windes erzählt. Wir ahnen die Bewegung in der Ebene, von der auch die Wolkenformationen künden. An einem offenbar nur von den Gesetzen der Natur beherrschten Ort ergibt sich eine visuelle Konstellation, die gleichwohl Zeichenhaftes in sich trägt. Kenna wählt nicht alleine den Goldenen Schnitt für seine Aufnahme, sondern er zeigt im Übergang vom Stamm des Baumes zu seinem Astwerk auch die liegende Acht, das mathematische Zeichen für die Unendlichkeit. Und es entsteht aus der Verbindung von Stamm und Schatten eine Art Ellipse, die zur rechten Seite hin offenbleibt. Sie betont die scheinbare Leere dieses Ortes. So ergibt sich der Eindruck einer visuellen Dichte. Michael Kenna verwandelt einen Baum oder eine Wolkenformation in etwas, das wir mit andächtiger Faszination betrachten.

Den eher unspektakulären Weiten Hokkaidos entlockt Kenna mit seinen Fotografien eine erhabene Grazie. Die Metapher vom Belichtungswechsel, in dem uns die Kunst die Möglichkeit eröffnet, Bekanntes neu zu sehen, wird in diesen Bildern konkret. Der Engländer lehrt uns buchstäblich, die Welt in einem anderen Licht zu sehen. Es ist diese Verwandlung, die aus einem dokumentierten Sujet einen Gegenstand der Erkenntnis macht.

Das Phänomen der Verwandlung, das der Religion ebenso wie der Kunst und der Liebe zu eigen ist, lässt sich im Bild betrachtend nachvollziehen. Geheimnisse werden dabei nicht gelüftet. Im Gegenteil: Die japanischen Landschaften bekommen in diesen Sinfonien aus Schwarz-weiß eine eigenartige Leichtigkeit. Vergleichbar mit dem Effekt, der entsteht, wenn wir die Augenlider fast blinzelnd schließen, die Welt für einen Moment leicht unscharf wird, und nur noch aus horizontalen und vertikalen Linien zu bestehen scheint. Die Auflösung der materiellen Welt im Übergang zum Traum bleibt in Michael Kennas Fotografie stets ein Thema. In ihr ist die Aufforderung an uns enthalten, die Welt kennenzulernen, in dem wir uns von ihr verzaubern lassen.

 

Köln, Juli 2026