Pest In der mandschurei 1910/1911
von Thomas Linden
Als 1910 die Nachricht von einem Ausbruch der Pest in der Mandschurei um die Welt ging, war das Erschrecken groß. Diese Seuche schien überwunden, nachdem der Schweizer Arzt Alexander Yersin 1894 den Erreger der Pest entdeckt hatte.
Die Sensationslust einer durch die Telegrafie weltweit vernetzten Medienlandschaft mag das Ihre zu den Schreckensmeldungen aus dem Nordosten Chinas beigetragen haben. In New York nahm man sie ebenso erschrocken zur Kenntnis wie in den europäischen Haupt-städten. Umso erstaunlicher ist es, dass die Erkenntnisse, die aus dieser Epidemie gewonnen wurden, 110 Jahre später beim Ausbruch der COVId-19-Pandemie vollkommen in Vergessen-heit geraten waren. Dabei ließ sich damals schon beobachten, wie die Medizin zum Spielball des Machtapparats von Politik und ökonomischen Interessen werden konnte, wenn sie diesen die Deutungshoheit über ihre Erkenntnisse einräumt. Der Pestausbruch in der Mandschurei stellt die erste Epidemie der Neuzeit dar, die wissenschaftlich-analytisch untersucht und fotografisch dokumentiert wurde.
Das Zentrum der Epidemie war die Stadt Harbin in der Mandschurei, einer chinesischen Provinz, die sich angesichts eines sich in Auflösung befindlichen chinesischen Kaiserreichs in ein Spannungsfeld zwischen den Großmächten Russland und Japan verwandelt hatte. Das zaristische Russland hatte in einem von ihm gepachteten Gebiet eine wirtschaftlich bedeutsame Eisenbahnlinie gelegt, die mit der Verlängerung der Transsibirischen Eisenbahn eine Verbindung nach Wladiwostok an die Pazifikküste und in den Süden nach Korea und Peking herstellte. Für den Bau der Eisenbahnstrecke waren Tausende chinesische Wanderarbeiter nach Harbin gelockt worden, die dort elende Lebensbedingungen vorfanden und zum Teil in Erdlöchern kampieren mussten. Unter ihnen breitete sich der Pesterreger rasend schnell aus.
Die Macht nimmt Einfluss auf die Wahrheit.
Fatal für den Verlauf der Epidemie, die innerhalb eines halben Jahres mindestens 60.000 Todesopfer forderte, erwies sich ein Streit um die Diagnose des Erregers. Heute weiß man, dass es sich um die Lungenpest handelte, die innerhalb von drei bis fünf Tagen zu 100 Prozent tödlich ist und durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen wird. Der chinesische Arzt Wu Lien-teh, ein in Cambridge ausgebildeter Mediziner, konnte anhand von Obduktionen den Erreger zutreffend isolieren. Den russischen Besatzern war jedoch an der reibungslosen Logistik des Eisenbahn-verkehrs gelegen. Sie versuchten zu beweisen, dass es sich bei der Epidemie um eine Beulenpest handelte. Der Erreger hätte dann über das Tarbagan, ein in der Steppe lebendes Pelztier, ähnlich dem Murmeltier, auf den Menschen übertragen worden sein können. Die Beulenpest ist nicht immer tödlich und kann durch Hygiene-maßnahmen bekämpft werden.
Die Fotografien der Ausstellung sind Vergrößerungen aus einem zeitgenössischen Album, das die Geschehnisse in der Mandschurei dokumentiert. Diese Alben wurden als eine Art Leistungsbeweis von den beteiligten Staaten angelegt. Heute existieren nur noch drei vollständige Exemplare, von denen sich eines in St. Peters-burg, eines in Harvard und ein drittes in Paris in Privatbesitz befindet. Letzteres bildet den Kern der Ausstellung in Köln. Die mit einer Plattenkamera aufgenommenen Fotografien entstammen Glasnegativen und sind technisch von außerordentlicher Qualität. Sie zeigen sowohl die urtümlichen Desinfektionsgeräte wie die Kadaver der Pelztiere, die in großer Zahl von den russischen Medizinern seziert wurden, ohne dass sich in ihnen der Erreger einwandfrei hätte nachweisen lassen.
Auch 2020 wurde von Medizinern gemutmaßt, dass der Erreger von COVId-19 seinen Ursprung auf einem Markt mit Wildtieren in der chinesischen Stadt Wuhan genommen haben könnte. In Deutschland blieb der Flugverkehr nach den ersten Infektionen zunächst noch gestattet, während man bald schon die Kitas schloss. Auch 1910 betrieb man die Infrastruktur weiter. Zunächst setzten sich die russischen Interessen durch, sodass die Eisenbahnlinie weiter genutzt wurde. Mit dem Ergebnis, dass die Epidemie auch in den Nachbarstädten Fujiadian und Changchun gelangte.
Letztlich konnte Dr. Wu eine Maskenpflicht durchsetzen, mit der die Seuche gestoppt wurde, nachdem sie jedoch zuvor unter der chinesischen Bevölkerung von Harbin in großem Umfang grassiert hatte. Die in komfortablen Verhältnissen lebenden russischen Besatzer beklagten hingegen nur wenige Todesopfer.
Machtverhältnisse, ins Bild gerückt.
Das alles dokumentiert das fotografische Material systema-tisch und aufgrund der Glasnegative auch in hoher Bildqualität. Von wem es stammt, lässt sich heute nicht mehr ermitteln, die Sorgfalt, mit der es aufgenommen wurde, bleibt jedoch beeindruckend. Zumal mit einer schwergewichtigen Plattenkamera gearbeitet werden musste. Daraus erklärt sich die Statik der Gruppenaufnahmen. In ihnen findet jedoch auch die Macht-demonstration der Offiziere und die der bis zur Unkenntlichkeit vermummten Ärzte ihren Ausdruck. Wer auch immer hinter der Kamera gestanden haben mag, besaß ein feines Gespür für die subtilen Machtverhältnisse, die Teil des medizinischen Apparates sind. Symptomatisch kommt dieses Gefälle in der Auskultation zum Ausdruck, bei der der Arzt mit Maske und einer Arbeitskleidung, die wie eine Rüstung wirkt, einen Patienten abhört. Der Erkrankte sitzt entblößt und dementsprechend verletzlich mit geneigtem Kopf vor ihm und scheint sich der Behandlung vollkommen auszuliefern. Es sind ikonische Bilder, die dem unbekannten Fotografen gelingen. Subtil geraten wir selbst als Bildbetrachtende in die Position des Patienten, wenn uns die Ärzte auf ihrem Gruppenbild frontal anschauen. Wir können ihren Blick aus den maskierten Gesichtern, die eine Art soziale Taubheit ausstrahlen, nicht erkennen. Diese Kälte mag sich aus der Tatsache ableiten, dass das Sterben in Zeiten der Epidemie seine Einzigartigkeit verliert und die Felder mit Särgen ergänzen diesen Eindruck wie selbstverständlich. Ein geübter fotografischer Blick bleibt aber auch im Umgang mit den Bildachsen unverkennbar. Hier besaß jemand ein feines Bewusstsein für visuelle Formen und vor allem für die Beherrschung des Raumes und die Weiten der verschneiten Steppenlandschaft.
Das Auge des Wissenschaftlers verrät sich hingegen in der Fähigkeit, den Verlauf der Ereignisse systematisch im Bild nachzuvollziehen. Die Obduktionen der Leichen, bei denen der Brustkorb geöffnet wird, sind ebenso im Bild erfasst wie das Mikroskopieren, bei dem sogar Aufnahmen des Pesterregers gelangen.
Der Ambivalenz der Fotografie als Medium der Dokumentation mit hohem Erinnerungswert steht die Tatsache gegenüber, dass jede Aufnahme nur das Dokument eines Augenblicks ist, der einer Erklärung bedarf, um Wahrhaftigkeit herzustellen. So wurden die fotografischen Alben 1921, etwa auf der internationalen Pestkonferenz in Mukden, gezeigt. Dort benutzte man sie als selbsterklärende, visuelle Texte, so wie es heute in der digitalen Welt üblich ist, in der das Bild an die Stelle des analytischen Textes tritt. Die Einzigartigkeit der Ausstellung besteht darin, dass sie dieses faszinierende Material erklärend zum Sprechen bringt. Auch in Zukunft wird es zu Epidemien kommen, und dann wird sich erneut die Frage stellen, in welcher Form wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Handlungsmacht miteinander zu kommunizieren haben. Die Fotografien aus Harbin stammen noch aus einer Zeit, als es nicht möglich war, sie digital zu verfälschen. Aber auch sie bestätigen die Tatsache, dass Abbildungen nicht ohne das analytische Wort auskommen, wenn sich ihre Schöpfer der Wahrheit verpflichtet fühlen.
Köln, April 2026