Sabine Weiss

© Sabine Weiss

 

Das Licht der Erkenntnis
Gedanken zu "L'homme qui court (1953)"

 

von Thomas Linden

 

Das Licht der Erkenntnis

Eine Gestalt rennt über das Kopfsteinpflaster einer von Schatten gesäumten Straße dem gleißenden Licht entgegen. Diese Aufnahme, die 1953 in der Nähe der späteren Pont de Garigliano entstand und den Titel „L’homme qui court, Paris“ („Der Mann, der rennt, Paris“) trägt, gehört heute zu den meistreproduzierten Fotografien der Schweizer Fotografin Sabine Weiss. Nur schwer kann man sich der Versuchung entziehen, in dieser Fotografie nicht das Lebensgefühl einer ganzen Epoche formuliert zu sehen.

Erst acht Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen. Die Spuren dieser Katastrophe sind den europäischen Städten noch anzusehen. Frankreich hat die Zeit der Okkupation hinter sich gelassen. Aber die Segnungen der Wohlstandsgesellschaft sind noch nicht bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Viel Ungewissheit ist mit der Zukunft verbunden und doch gibt es eine spürbare Dynamik, die mit den Jahren des Friedens eine begründete Hoffnung auf bessere Zeiten aufkommen lässt. Sabine Weiss scheint dafür das paradigmatische Foto geliefert zu haben.

Die Lichtmetapher spielt in den favorisierten Ideologien der Nachkriegsjahre eine wichtige Rolle. Allerdings erzählt die auf dieser Fotografie geradezu explodierende Intensität des Lichts nicht unbedingt von einer strahlenden Zuversicht am Horizont des sozialistischen Realismus. Christliche Heilsvorstellungen erfreuen sich in jenen Jahren ebenfalls einer aufkeimenden Beliebtheit. Dann würde sich im Licht hinter den Bäumen die Anwesenheit des Göttlichen offenbaren. Eine profanere Metaphysik könnte aber auch von einer Epiphanie ausgehen, einem Erkenntnismoment, der sich gleich einer schockhaften Erleuchtung im Alltag ereignet. In jedem Fall stellt diese Aufnahme aber einen Triumph der Schwarzweißfotografie dar. Sabine Weiss fängt ein symphonisches Schattenspiel ein. Das Spektrum des Lichts enthält nicht alleine jenes undurchdringliche Schwarz rechts und links des Weges, sondern auch das Fugenwerk der Pflastersteine, deren Oberflächen fast zärtlich vom Licht modelliert werden. Und über allem schließt sich das filigrane Schattenspiel der Baumkronen wie ein gotisches Gewölbe.

Im Zentrum dieser Szene befindet sich gleich einem amorphen Tintenklecks eine menschliche Gestalt. „Lauf los“, hatte Sabine Weiss ihrem Ehemann, dem amerikanischen Maler Hugh Weiss, während eines abendlichen Spaziergangs zugerufen. Einen Augenblick später muss sie auf den Auslöser gedrückt haben. Privater kann eine Situation kaum sein, und doch ist aus ihr ein Bild hervorgegangen, in dem das Lebensgefühl einer ganzen Epoche seinen Ausdruck fand.

Humanismus ohne Sentimentalität

Zu diesem Zeitpunkt war Sabine Weiss eine 29-jährige Fotografin, die um ihre Etablierung in der professionellen Fotoszene warb. Sie hatte dem deutschen Modefotografen Willy Maywald in Paris assistiert, und war 1952 in die renommierte Fotoagentur Rapho eingetreten. Ein langes Fotografinnenleben lag noch vor ihr. Mehrjährige Verträge unterhielt sie etwa mit dem New York Times Magazine, Life, Newsweek, Vogue, Paris Match oder Esquire. In den USA wurde ihr Werk schon früh in den großen Museen des Landes mit Ausstellungen gewürdigt und nur zwei Jahre nach der Aufnahme in Paris nimmt Edward Steichen drei Fotografien von Sabine Weiss in seine legendäre Ausstellung „The Family of Man“ im Museum of Modern Art in New York auf. Fotohistorisch rechnete man die 2023 im Alter von 97 Jahren verstorbene Sabine Weiss neben Kollegen wie Robert Doisneau, Willy Ronis oder Edouard Boubat zur „humanistischen Fotografie“. Eine Einschätzung, die ihr nicht behagte. Abgesehen davon, dass Sabine Weiss eine ausgezeichnete Modefotografin war, die das Genre mit ihren originellen Bildideen zu beleben wusste, gehören ihre subtilen Künstlerporträts zum Besten, was die Fotografie der 1950er-Jahre in diesem Bereich hervorgebracht hat. Ihre Fotoreportagen auf den Straßen dieser Welt demonstrieren ein feines Sensorium für unterschiedliche soziale Milieus und sind stark mit Emotionalität aufgeladen. Obwohl sich unter den sogenannten „humanistischen Fotografen“ zahlreiche großartige Fotokünstler befanden, wurde dieser Richtung der Fotografie in späteren Jahren eine sentimentale Verklärung des sozialen Lebens unterstellt. Genau die findet man in den Arbeiten von Sabine Weiss jedoch nicht. Als Fotografin verfügte sie über eine feine Distanz zu ihrem Sujet. In der Fotografie des 20. Jahrhunderts gibt es wohl kaum einen Künstler oder eine Künstlerin, die so ausdauernd und eindringlich die Welt der Kinder mit der Kamera beobachtet hat, wie die gebürtige Schweizerin. Weiss betrachtete Kinder als autarke Persönlichkeiten, mit denen sie sich auf Augenhöhe befand. In ihren Bildern erspürte sie eine Schicksalsdimension, die jeder Mensch in sich trägt, auch die Kinder. Sentimentalität hingegen speist sich aus einem Beifall heischenden Schwelgen in eigenen Gefühlen, das ihr stets fremd war.

Mit Metaphern die Welt verstehen

Auf Pathos stößt man nicht im umfangreichen Werk der Sabine Weiss, obwohl ihre Fotografie „L’homme qui court, Paris“ einen pathetischen Gestus zu enthalten scheint. Den mag sie bei aller Spontaneität, die die Situation erforderte, nicht intendiert haben. Mit dem Hinweis „Ich fotografiere, was gerade kommt“, beschrieb sie einmal ihre gelassene Haltung bei der Arbeit. Als geübte Fotografin besaß sie die Intuition dafür, wie sich eine Situation entwickelt. Aus unserem heutigen Blickwinkel verleihen wir der Szene hingegen Bedeutung, indem wir unser historisches Wissen in die Aufnahme hineinprojizieren. Unsere Betrachtung belebt das fotografische Bild, indem wir es als metaphorisches Angebot verstehen. Denn wir erklären uns die Welt mit Bildern. Nur bildhaft können wir sie verstehen, da der Realität die Konsistenz dazu fehlt. Im Bild verfestigt sich für uns die Erfahrung, die wir zuvor im bewussten Erleben der Realität gewonnen haben.

Sabine Weiss verstand sich als eine Botschafterin der Freude, die sie mit ihrem Werk an die folgenden Generationen weitergeben wollte. In ihrer Aufnahme vom Abendspaziergang des Jahres 1953 vermag sie dieser Freude in all ihrem befreienden Überschwang Ausdruck zu verleihen. Das gelingt ihr allein über die Atmosphäre, jenem Sujet, das für sie selbst im Zentrum ihres Werkes stand.

Atmosphäre entsteht aus dem Zusammenspiel der Objekte, die ihre Körperlichkeit durch das Licht erhalten. Im Dunkel der Schatten bleiben die Formen der Dinge undefiniert, erst im Licht erhalten sie ihre Gestalt. Aus Ahnung wird Wirklichkeit. Ein immaterieller Prozess, der seine sichtbare Dynamik durch die Silhouette des jungen Mannes erhält, dessen fliehender Schatten der Szene ihr Leben einhaucht.

Diesen Prozess in seiner archaischen Dimension im Bild zu erfassen, mag der Aufnahme von Sabine Weiss ihren Status als eine der Ikonen der Fotografie verdanken. Das Licht wird zum Versprechen für eine Kraft, die alles zu verwandeln vermag, seine Intensität aber erst dem Dialog mit den Schatten verdankt. Sabine Weiss wollte die Tiefe menschlicher Empfindung zeigen, „und das im großen Licht“.